BPMN 2.0 und formcycle
Zwei Welten, ein Missverständnis
In der Welt der Digitalisierung treffen regelmäßig zwei Konzepte aufeinander, die auf den ersten Blick ähnlich wirken, aber grundlegend unterschiedliche Ziele verfolgen: die organisatorische Prozessmodellierung und die technische Prozessautomatisierung. BPMN 2.0 gehört zur ersten Welt. formcycle zur zweiten. Dieses Missverständnis, dass beides dasselbe sei oder nahtlos ineinandergreife, ist der Kern vieler Diskussionen rund um die Frage, warum formcycle keinen BPMN 2.0 Import unterstützt.
Die Antwort ist einfach: nicht weil es nicht möglich wäre, sondern weil es keinen Mehrwert bringen würde. Warum das so ist, erklärt dieser Artikel.
Was BPMN 2.0 ist und was es nicht ist
BPMN 2.0 (Business Process Model and Notation) ist ein hervorragender Standard. Er wurde entwickelt, um Geschäftsprozesse grafisch zu modellieren und zwischen verschiedenen Stakeholdern, Fachabteilungen, IT, Management und externen Beratern, kommunizierbar zu machen. BPMN 2.0 ist im Kern eine Sprache der Organisation: Wer macht was, wann, unter welchen Bedingungen, mit welchen Beteiligten?
Was BPMN 2.0 nicht ist: eine vollständige technische Prozessbeschreibung. Ein BPMN Diagramm sagt, dass in Schritt 3 "der Antragsteller eine E-Mail erhält". Es sagt nicht, welches Eingabefeld den Empfänger liefert, wie der Betreff aufgebaut ist, welche Anhänge mitgeschickt werden, oder was passiert, wenn die E-Mail nicht zugestellt werden kann.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied.
Das ist übrigens keine reine Einschätzung unsererseits. Diese Fragen haben wir direkt mit Herstellern von BPMN-Tools diskutiert und die Rückmeldung war eindeutig: Der Detailgrad, der in formcycle entsteht, ist im Kontext von BPMN schlichtweg unerwünscht. BPMN wurde bewusst auf der organisatorischen Ebene gehalten. Was dort als Stärke gilt, nämlich Abstraktion und Übersichtlichkeit, ist auf der technischen Ebene ein Hindernis. Die beiden Welten sind nicht kompatibel, und das ist kein Fehler, sondern ein bewusstes Design.
formcycle ist technisch und das ist der Punkt
Der Workflow-Designer in formcycle ist kein Werkzeug zur organisatorischen Prozessmodellierung. Er ist ein technisches Konfigurationswerkzeug, das vollständige, sofort lauffähige Prozesse erzeugt, ohne eine einzige Zeile Code.
Ein in formcycle definierter Workflow deckt die gesamte Prozesskette ab:
- Oberflächen: Formulare werden visuell gestaltet, Felder konfiguriert, Validierungen definiert
- Workflow-Logik: Verzweigungen, Bedingungen, Schleifen, mehrstufige Genehmigungsprozesse
- Technische Details: Welches Feld liefert den Empfänger? Welcher Wert steuert die Verzweigung? Was passiert bei Fehler X?
- Bereitstellung: Das Formular ist nach der Konfiguration direkt abrufbar, kein Deployment Prozess notwendig
- Postfach und Vorgangsbearbeitung: Eingehende Vorgänge landen strukturiert im Postfach, Sachbearbeiter können sie weiterverarbeiten
- Archivierung und Löschung: Auch der Lebenszyklus eines Vorgangs wird vollständig abgebildet
Das ist keine vereinfachte Version eines technischen Prozesses, das ist der technische Prozess selbst, vollständig und ausführbar.
Ein BPMN 2.0 Diagramm hingegen wäre an dieser Stelle nur ein erster Entwurf. Es müsste im Anschluss von jemandem interpretiert und programmiert werden. Und genau das ist das Problem.
Der versteckte zweite Schritt
Hinter jedem organisatorischen BPMN-Prozess muss ein technischer Implementierungsschritt stehen:
- Der fachliche Prozess wird in BPMN 2.0 modelliert.
- Das Modell wird in eine Workflow-Engine importiert.
- Ein Entwickler programmiert die technische Umsetzung: Datenbindungen, Geschäftslogik, Integrationen, Fehlerbehandlung.
Schritt 3 wird dabei oft unterschätzt oder übersehen. Er bedeutet: zusätzliche Ressourcen, längere Projektlaufzeiten, und vor allem eine dauerhafte Abhängigkeit von spezialisierten Entwicklern für jede spätere Änderung.
Mit formcycle entfällt dieser zweite Schritt vollständig. Was konfiguriert wird, läuft. Was läuft, kann ohne Entwicklerunterstützung angepasst werden.
Export ja, Import nein und das ist konsequent
formcycle kann einen abgebildeten Prozess als BPMN 2.0 exportieren. Das ist sinnvoll: Der exportierte Prozess kann dokumentiert, kommuniziert, mit Stakeholdern besprochen oder in übergeordnete Prozesslandkarten eingebettet werden.
Ein Import in die andere Richtung macht hingegen keinen Sinn, nicht weil formcycle es technisch nicht könnte, sondern weil ein BPMN 2.0 Diagramm schlicht nicht die Informationen enthält, die für einen lauffähigen technischen Prozess notwendig sind. Was soll importiert werden? Eine leere Hülle, die danach manuell mit Leben gefüllt werden muss? Das wäre kein Gewinn, sondern ein zusätzlicher Arbeitsschritt, der Fehler einlädt.
Was wirklich zählt
Wenn der echte Bedarf darin besteht, Prozesse digital abzubilden, Bürger oder Mitarbeiter digital einzubinden, Genehmigungsketten zu automatisieren und Vorgänge rechtssicher zu verwalten, dann ist die richtige Frage nicht "Kann das System BPMN 2.0 importieren?", sondern:
Kann das System einen vollständigen Prozess ohne Programmieraufwand abbilden?
Können Fachanwender Prozesse selbst pflegen und anpassen?
Deckt das System die gesamte Prozesskette ab, von der Oberfläche bis zur Archivierung?
Gibt es eine Exportmöglichkeit für Dokumentation und Kommunikation?
Auf alle diese Fragen antwortet formcycle mit Ja.
Fazit
BPMN 2.0 ist ein wertvoller Standard, für die organisatorische Prozessmodellierung, für Kommunikation, für Dokumentation. Aber er ist kein Ersatz für technische Prozesskonfiguration, und ein BPMN Import ist kein Qualitätsmerkmal einer Workflow-Plattform.
formcycle geht einen anderen Weg: vollständige technische Abbildung, sofortige Lauffähigkeit, keine versteckten Implementierungsschritte. Das ist nicht weniger als BPMN 2.0, es ist mehr.